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Licht, Teilen und Jahreskreis

Martini: Warum wir im November ein Licht hinaustragen

Kategorie: Jahreskreis und BrauchtumFür Einsteigerinnen8 Minuten Lesezeit

Vielleicht kennst du das Bild noch aus deiner Kindheit: ein dunkler Novemberabend, kalte Finger und eine kleine Papierlaterne, in der eine Flamme flackert. Ringsum singen Kinder, und für einen Moment wirkt die frühe Dunkelheit gar nicht mehr so schwer. Das ist Martini, der 11. November.

In diesem Beitrag erfährst du, wer der heilige Martin war, warum sein Tag im alten Bauernjahr so wichtig war, woher Gans und Laterne kommen und was davon gut belegt ist. Am Ende wartet ein kleines Ritual, mit dem du an diesem Abend selbst ein Licht in die dunkle Jahreszeit trägst.

Wer Martin von Tours war

Martin von Tours wurde um 316 in Savaria geboren, dem heutigen Szombathely in Ungarn, nahe der Grenze zu Österreich. Aufgewachsen ist er in Pavia, als Kind einer Soldatenfamilie. Später trat er selbst ins römische Heer ein und wurde dort Offizier.

Am bekanntesten ist bis heute die Mantelteilung. An einem Wintertag begegnete Martin am Stadttor von Amiens einem Bettler, der vor Kälte zitterte. Er nahm sein Schwert, teilte den eigenen Mantel in zwei Stücke und legte dem Mann eine Hälfte um. Der Überlieferung nach sah Martin in der folgenden Nacht Christus vor sich, und er erkannte in ihm den Mann vom Stadttor wieder.

Bald danach ließ sich Martin taufen. Den Dienst im Heer wollte er nun hinter sich lassen und bat um seinen Abschied. Er ging zu Hilarius, dem Bischof von Poitiers, und lernte bei ihm. In Ligugé gründete er die erste Klostergemeinschaft Galliens. Bischof wollte er nie werden, und doch wählten ihn die Menschen später zum Bischof von Tours.

  1. um 316Geburt in Savaria

    Heute Szombathely in Ungarn.

  2. um 360Kloster in Ligugé

    Das erste Kloster in Gallien.

  3. 8. November 397Tod in Candes

    Er war 81 und gerade in einer seiner Gemeinden unterwegs.

  4. 11. November 397Begräbnis in Tours

    Dieser Tag wurde sein Gedenktag.

Bis dahin hatte man nur Märtyrer als Heilige verehrt, also Menschen, die für ihren Glauben gestorben waren. Martin war der erste, der ohne diesen Tod zu den Heiligen gezählt wurde. Die Menschen schätzten ihn für seine Barmherzigkeit und dafür, dass er den Schwachen beistand. Im Burgenland ist er bis heute Landespatron, und der 11. November ist dort Landesfeiertag.

Der 11. November im alten Bauernjahr

Lange bevor Kinder mit Laternen durch die Straßen zogen, war der 11. November für die Menschen auf dem Land ein wichtiger Stichtag. Die Felder waren abgeerntet, die Vorräte eingelagert, und mit Martini schloss sich das Arbeitsjahr auf dem Hof. Man könnte sagen: Martini war eine Schwelle zwischen der Fülle des Herbstes und der stillen Zeit des Winters.

  • Geld und Verträge: Pachtverträge liefen aus oder fingen neu an, Zinsen wurden fällig, und auch der Lohn richtete sich nach diesem Termin.
  • Neue Stellen: Wer auf einem Hof arbeitete, trat zu diesem Tag oft eine neue Stelle an oder verließ die alte.
  • Fest am Vorabend: Im Osten Österreichs wurde der Abend vor Martini als Erntefest begangen. Man sang, spielte, entzündete Feuer und trug Lichter in Prozessionen.
  • Junger Wein: Zum Martiniloben bitten Pfarren um den Segen für den neuen Wein, und in den Kellern darf man ihn zum ersten Mal kosten.

Früher fastete man vor Weihnachten sechs Wochen lang, und diese Zeit begann mit Martini. Man spricht deshalb vom alten Advent. Davor wurde noch einmal gut gegessen und gefeiert. Heute ist der Advent kürzer, doch der Gedanke ist geblieben: Martini öffnet die Tür in die Zeit des Wartens auf das Licht.

Vielleicht kennst du den 11.11. auch vom Fasching, der um 11 Uhr 11 beginnt. Auch das hat mit dieser Schwelle zu tun: ein letztes ausgelassenes Fest, bevor die ruhigeren Wochen kommen.

Warum es zu Martini eine Gans gibt

Wer in Österreich im November ins Gasthaus geht, findet fast überall das Martinigansl, meist mit Rotkraut und Knödel. Für die Gans gibt es zwei Erklärungen, eine Legende und eine ganz handfeste.

Die Legende vom Gänsestall

Als die Menschen in Tours Martin zum Bischof machen wollten, soll er sich aus Bescheidenheit in einem Gänsestall versteckt haben. Doch die Tiere machten so viel Lärm, dass man ihn dort fand. Seitdem, so erzählt man, gehören die Gänse zu seinem Fest.

Die Abgabe zu Martini

Wahrscheinlicher ist eine nüchterne Erklärung, die mit dem Zinstag zu tun hat. Wer zu Martini Abgaben schuldete, zahlte oft mit dem, was Hof und Stall hergaben, also in Naturalien. Eine Gans eignete sich dafür gut. Lexika nennen diese Abgabe den Martinsschoß. Ganz geklärt ist die Herkunft des Brauchs bis heute nicht, und so leben Legende und Erklärung friedlich nebeneinander.

Martinigansl heute: im Gasthaus und ganz ohne Fleisch

In Österreich ist das Ganslessen bis heute einer der lebendigsten Martinibräuche. Viele Gasthäuser und Restaurants setzen es rund um den 11. November auf die Karte, manche schon im Oktober und oft bis in den späten November hinein. Wer an einem bestimmten Abend gemeinsam feiern möchte, reserviert am besten früh, manche Lokale wollen das Gansl auch vorbestellt haben.

Zum klassischen Gansl gehört mehr als die Gans. Auf den Teller kommen meist Knödel und Rotkraut, das gern mit Maroni oder Apfel verfeinert wird, und oft noch ein Bratapfel mit Preiselbeeren. Es sind die Aromen des Spätherbstes, genau das, was die Ernte im alten Bauernjahr hergab.

Den Brauch ohne Fleisch feiern

Du isst kein Fleisch und möchtest trotzdem dabei sein? Das geht wunderbar, denn der Kern des Brauchs ist das gemeinsame Festessen an der Schwelle zum Winter. Immer mehr Lokale nehmen ein rein pflanzliches Martinigansl auf die Karte und servieren es mit den gewohnten Beilagen. Der Verein gegen Tierfabriken sammelt diese Lokale jedes Jahr in einer Liste, die er „Vegansl“ nennt.

Zu Hause kannst du es dir noch einfacher machen:

  • Die Beilagen als Hauptgericht: Ein Bratapfel mit Preiselbeeren, Erdäpfel- oder Serviettenknödel und Rotkraut mit Maroni ergeben zusammen schon ein festliches Martiniessen.
  • Ein gefüllter Kürbis: Höhl einen kleinen Kürbis aus, füll ihn mit Maroni und Pilzen und gare ihn im Ofen. So duftet es auch ohne Gans nach Festessen.
  • Teilen wie Martin: Lade jemanden zum Essen ein, der an diesem Abend sonst allein wäre. So bleibt der Gedanke des Festes lebendig, ganz gleich, was auf dem Teller liegt.

Laternenumzug: Woher das Licht kommt

Der Laternenumzug wirkt uralt, doch in seiner heutigen Form ist er recht jung. Aus Köln ist für das Jahr 1520 ein früher Hinweis überliefert, dass junge Leute am Martinsabend durch die Gassen zogen und um Gaben baten. Dieses Bitten nennt man Heischen. In der Dunkelheit des Novemberabends leuchteten ihnen Fackeln und Lichter.

Später, im 19. Jahrhundert, schnitzten Kinder Rüben oder Kürbisse aus und setzten ein Licht hinein, und an manchen Orten loderten Feuer. Nicht immer blieb es dabei friedlich. In den 1890er-Jahren nahmen deshalb Erwachsene die Sache in die Hand und gaben dem Fest eine feste Form. In Düsseldorf entstand so der begleitete Umzug mit Papierlaternen, der sich von dort aus verbreitete. Heute laden vor allem Pfarren und Kindergärten dazu ein.

Die Volkskundler Dietz-Rüdiger Moser und Werner Mezger führen die Umzüge auf eine Lesung zurück: Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil hörte man am Martinstag im Gottesdienst das Gleichnis vom Licht (Lukas 11,33 bis 36). Sein Gedanke ist einfach: Ein Licht, das du anzündest, gehört nicht in ein Versteck. Es soll auf dem Leuchter stehen, wo jede und jeder es sehen kann.

Manche halten den Umzug für ein Erbe der Germanen. Diese Deutung hat die Forschung laut Austria-Forum widerlegt. Was bleibt, ist ein schönes Bild für den November: Wir tragen ein kleines Licht nach draußen, gerade dann, wenn die Tage am kürzesten werden.

Ein kleines Martini-Ritual für zu Hause

Dieses Ritual ist eine eigene Anregung im Geist des Brauchs. Es verbindet die drei Gedanken von Martini: das Jahr abschließen, etwas teilen und ein Licht in die Dunkelheit tragen. Du brauchst eine Kerze in einem Glas oder einer Laterne, einen Zettel und etwa zwanzig Minuten.

  1. Ankommen: Mach das Licht im Raum aus und zünde deine Kerze an. Atme ein paar Mal ruhig und schau in die Flamme.

  2. Ernte des Jahres: Schreib drei Dinge auf, die dir dieses Jahr geschenkt hat. Wie die Bäuerinnen früher zu Martini darfst du auf deine eigene Ernte schauen.

  3. Teilen: Überlege, was du in den nächsten Wochen teilen magst, wie Martin seinen Mantel: Zeit, ein offenes Ohr, etwas Warmes für jemanden, der friert.

  4. Hinaustragen: Nimm deine Laterne und geh ein paar Schritte vor die Tür, auf den Balkon oder in den Garten. Halte das Licht kurz in die Dunkelheit und spür die kalte Luft.

  5. Abschließen: Komm zurück, leg deinen Zettel neben die Kerze und lösche sie bewusst. Bewahre den Zettel bis zum ersten Advent auf.

Häufige Fragen zu Martini

Warum feiert man Martini am 11. November?

Martin von Tours starb am 8. November 397 und wurde am 11. November in Tours begraben. Der Tag seines Begräbnisses wurde zu seinem Gedenktag.

Warum isst man zu Martini eine Gans?

Der Legende nach verrieten schnatternde Gänse Martins Versteck, als er nicht Bischof werden wollte. Wahrscheinlicher ist, dass zu Martini Abgaben fällig waren, die oft in Form einer Gans bezahlt wurden. Ganz geklärt ist es nicht.

Kann man Martini auch ohne Gans feiern?

Ja. Immer mehr Lokale bieten ein rein pflanzliches Martinigansl mit den gewohnten Beilagen an. Zu Hause werden Knödel, Rotkraut mit Maroni und ein Bratapfel mit Preiselbeeren schon zu einem festlichen Essen. Im Mittelpunkt des Brauchs stehen das gemeinsame Mahl und das Teilen.

Woher kommt der Laternenumzug zu St. Martin?

Schon im 16. Jahrhundert baten junge Leute am Martinsabend mit Lichtern in der Hand um Gaben. Den Umzug mit Papierlaternen, wie wir ihn heute kennen, gibt es erst seit dem späten 19. Jahrhundert. Seinen Anfang nahm er in Düsseldorf.

Was bedeutet Martini im Brauchtum?

Für die Bäuerinnen und Bauern war Martini ein Stichtag. Die Ernte war eingebracht, das Arbeitsjahr ging zu Ende, und Pacht und Zins mussten bezahlt werden. Danach fastete man früher sechs Wochen bis Weihnachten. Gefeiert wurde mit Lichtern, Erntefesten und dem jungen Wein.

Quellen: Hl. Martin von Tours, katholisch.at (Katholische Kirche in Österreich); Martini, 11. November, Austria-Forum (AEIOU Österreich-Lexikon); Laternenumzug, Austria-Forum Heimatlexikon; Der heilige Martin: Was steckt hinter dem Brauchtum?, vienna.at; Die Topadressen in Wien zum Ganslessen, vienna.at; Veganes Martini-Gansl in Wien: Diese Lokale machen mit, vienna.at; Martinstag, Lexikon (Martinsschoß, Zins- und Pachtfristen).

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