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Überlieferung, Zugehörigkeit und Forschung
Rituale: Warum wir sie seit Jahrhunderten fast unverändert weitergeben
Das Räuchern in den Raunächten, der Glücksbringer, den du seit Jahren bei dir trägst, das Hausmittel deiner Großmutter. Solche Rituale wandern fast unverändert von einer Generation zur nächsten, und oft weiß niemand mehr, warum sie genau so gehen. Eine neue Studie der University of Oxford hat sich gefragt, woran das liegt. Ihre Antwort hat viel mit einem Gefühl zu tun, das jede von uns kennt: dazugehören zu wollen.
In diesem Beitrag erfährst du, wie die Forschenden vorgegangen sind, was sie herausgefunden haben und was das für deine eigenen Rituale bedeuten kann. Am Ende findest du ein kleines Ritual der Verbundenheit, mit dem du gleich heute Abend beginnen kannst.
Warum überdauern Rituale so lange?
Denk an eine Hochzeit, an eine Beerdigung oder an den Händedruck, mit dem du jemanden begrüßt. Auch rund um Halloween und den Jahreswechsel pflegen wir viele solcher Gewohnheiten. Sie wandern seit Generationen fast unverändert weiter, und einen praktischen Nutzen sehen wir darin oft kaum.
Viele Forschende sehen Magie bisher als eine frühe Form der Technik: Wer an eine Wirkung glaubt, übt sie aus und lernt sie wie ein Handwerk. Die Studie aus Oxford deutet darauf hin, dass mehr dahintersteckt.
Wer geforscht hat
Hinter der Studie stehen Dr. Robert Jagiello, heute am Peace Research Institute Oslo, und Professor Harvey Whitehouse, Leiter des Centre for the Study of Social Cohesion an der University of Oxford. Jagiello hat die Untersuchung während seiner Doktorarbeit in Oxford durchgeführt. Erschienen ist sie in der Fachzeitschrift Evolution and Human Behavior, in einer Sonderausgabe über Magie, Hexerei, Mythen und Tabus.
So lief die Studie
176 Erwachsene aus Großbritannien haben online teilgenommen. Ihnen wurde gesagt, es gehe um ihre historische Vorstellungskraft. Der Ablauf hatte vier Schritte:
Zuerst hörten alle eine Audioreise in eine mittelalterliche Welt.
Danach spielten sie Cyberball, ein Ballspiel am Bildschirm. Die anderen Spielfiguren steuerte ein Programm. Bei der Hälfte der Teilnehmenden spielten sie den Ball nach einer Weile nicht mehr zu ihnen. So entstand das Gefühl, ausgeschlossen zu sein.
Anschließend sahen alle kurze Abfolgen von Bewegungen mit einem Holzstab und Bechern und versuchten, sie nachzumachen. Wie der Stab gehalten wurde und welcher Becher an der Reihe war, blieb in jeder Fassung gleich.
Dabei filmten sie sich selbst. Anhand der Aufnahmen vergab das Forschungsteam Punkte dafür, wie genau die Bewegungen getroffen waren.
Eine Handlung, vier Erklärungen
Das Besondere: Alle sahen dieselben Bewegungen. Unterschiedlich war nur, mit welcher Erklärung sie vorgestellt wurden. Dazu kamen kleine Hinweise im Bild, etwa ob Wasser in den Bechern stand, sodass sich der Zweck leichter oder schwerer erkennen ließ. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer bekam eine dieser vier Fassungen zu hören:
- Fassung 1Praktische Technik
Damit wird Wasser sauber gefiltert.
- Fassung 2Technik von Fachleuten
Wozu sie dient, wird erst später verraten.
- Fassung 3Magische Handlung
Sie soll Wasser über eine Entfernung hinweg reinigen.
- Fassung 4Ritual
Ein Gruß aus dem Mittelalter, der nichts bewirken soll.
Die Ergebnisse
In der Auswertung zeichnete sich ein deutliches Bild ab:
- Bei Magie und Ritual lag die ausgeschlossene Gruppe vorn. Sie traf beide Fassungen deutlich genauer als die Gruppe, die beim Ballspiel mitspielen durfte.
- Bei den beiden Techniken spielte es dagegen keine Rolle, ob jemand ausgeschlossen worden war.
- Von Person zu Person glichen sich die Nachahmungen der Ausgeschlossenen bei Magie und Ritual außerdem stärker. Das ergab eine zusätzliche, vorläufige Auswertung. Sie gibt einen Hinweis darauf, warum Rituale über Generationen so beständig bleiben.
Was die Forschenden überrascht hat
Am meisten erstaunte Harvey Whitehouse, wie deutlich sich der Ausschluss bei der magischen Fassung auswirkte. Weil sie Wasser reinigen sollte, also einem Zweck diente, hätten viele gängige Theorien erwartet, dass die Teilnehmenden sie wie eine Technik nachmachen. Die ausgeschlossene Gruppe ahmte sie aber beinahe ebenso sorgfältig nach wie das reine Ritual.
Zwei Blicke auf dieselbe Handlung
Die Forschenden erklären ihr Ergebnis mit einer Idee, die sie Theorie der zwei Blickwinkel nennen (im Englischen „bifocal stance theory“). Sie geht davon aus, dass wir derselben Handlung mit zwei verschiedenen Haltungen begegnen können:
- Mit dem praktischen Blick fragst du, ob es funktioniert. Hauptsache, das Wasser ist am Ende sauber.
- Mit dem rituellen Blick zählt, dass du es so machst, wie es überliefert ist. Die sorgfältige Ausführung wird zum Zeichen deiner Zugehörigkeit.
Robert Jagiello sagt dazu: „Es geht darum zu zeigen, dass wir dazugehören.“ Nach seiner Einschätzung achten wir besonders dann auf die überlieferte Form, wenn wir um unseren Platz in der Gruppe fürchten.
Vieles geschieht unbewusst
Spannend ist, dass die Teilnehmenden davon offenbar kaum etwas merkten. In ihren Beschreibungen, was ihnen bei der Aufgabe durch den Kopf ging, tauchte der Wunsch nach Zugehörigkeit kein einziges Mal auf. Robert Jagiello betont, dass eine Handlung nicht für sich allein Magie, Ritual oder Technik ist. Es kommt auch darauf an, wer sie betrachtet und in welcher Lage diese Person gerade ist.
Was die Studie noch offen lässt
Die Studie ist ein einzelnes Experiment mit Erwachsenen aus Großbritannien. Ob sich das Ergebnis bei anderen Menschen und in anderen Umgebungen bestätigt, muss sich laut den Forschenden erst noch zeigen. Spannend ist die Studie trotzdem: Seit langem fragt die Völkerkunde, warum Magie und Traditionen bestehen bleiben. Hier wird diese alte Frage mit den Mitteln der Kognitionsforschung im Experiment untersucht.
Was das für deine Rituale bedeutet
Vielleicht kennst du das Gefühl: Du zündest in den Raunächten eine Kerze an, räucherst so, wie es deine Großmutter getan hat, oder sprichst einen alten Segen. In solchen Momenten geht es selten um ein messbares Ergebnis. Du bist verbunden, mit deiner Familie, deiner Herkunft und den Frauen, die dieses Ritual vor dir ausgeführt haben.
Die Studie aus Oxford gibt diesem Gefühl eine Erklärung. Wenn wir ein Ritual sorgfältig und genau ausführen, zeigen wir, oft ohne es zu merken, wohin wir gehören. Genau deshalb haben viele Bräuche die Jahrhunderte überdauert.
Ein kleines Ritual der Verbundenheit
Für dieses Ritual brauchst du eine Kerze und 10 Minuten am Abend. Du darfst es frei für dich gestalten.
Wähle einen Brauch aus deiner Familie oder deiner Region. Das kann ein Segen sein, ein Gericht, ein Lied oder ein Handgriff beim Räuchern.
Zünde eine Kerze an und denk an die Menschen, von denen du ihn kennst. Wer hat ihn dir gezeigt, und von wem stammt er davor?
Führe den Brauch langsam und genau so aus, wie du ihn kennst. Achte auf jede Bewegung.
Schreib danach in dein Notizbuch, was du dabei gespürt hast und wem du diesen Brauch einmal weitergeben möchtest.
Häufige Fragen zu Ritualen und Zugehörigkeit
Warum werden Rituale so genau weitergegeben?
Eine Studie der University of Oxford legt nahe, dass Rituale ein Zeichen der Zugehörigkeit sind. Wer sich ausgeschlossen fühlte, ahmte rituelle Handlungen besonders genau nach. So bleibt ein Brauch über viele Generationen fast gleich.
Was ist der Unterschied zwischen einem Ritual und einer Technik?
Bei einer Technik zählt das Ergebnis. Bei einem Ritual zählt, dass du es richtig ausführst, so wie es überliefert ist. Dieselbe Handlung kann beides sein, je nachdem, wie du sie betrachtest.
Was ist Cyberball?
Cyberball ist ein Ballspiel am Bildschirm, das in der Forschung oft genutzt wird. Die Mitspielenden werden vom Computer gesteuert. Hören sie auf, dir den Ball zuzuwerfen, fühlst du dich für einen Moment ausgeschlossen.
Wo finde ich die Studie?
Die Studie heißt „Magic and ritual as affiliative strategies in response to ostracism threat“ und ist in der Fachzeitschrift Evolution and Human Behavior erschienen. Sie ist frei zugänglich. Eine Zusammenfassung findest du in der Mitteilung der University of Oxford.
Quelle: University of Oxford, Mitteilung vom 30. Oktober 2026. Jagiello und Whitehouse: „Magic and ritual as affiliative strategies in response to ostracism threat“, Evolution and Human Behavior.

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